"Wichtig ist, rechtzeitig einzugreifen"

Antisemitismus existiert leider immer noch in Deutschland. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?

Patrick Siegele: Grundsätzlich muss man sagen, dass Antisemitismus nie weg war. Es gab die Wahrnehmung in unserer Gesellschaft, dass diese Thematik mit der Vergangenheit abgeschlossen wurde. Antisemitismus hat sich aber in unterschiedlichen Formen über die Jahrzehnte - auch nach 1945 - immer wieder gezeigt. In den letzten Jahren verzeichnen wir leider immer öfter, dass aus Gedanken und antisemitischen Einstellungen zunehmend auch Taten und Angriffe werden, beispielsweise der schreckliche Anschlag auf die Synagoge in Halle im letzten Jahr. Aber auch Angriffe und Gewalttaten auf Menschen, die als Juden erkennbar sind.

Wird genug gegen Antisemitismus getan?

Siegele: In Deutschland gibt es eine gute und erfreuliche Entwicklung in der Arbeit gegen Antisemitismus. Dazu hat unter anderem auch das Förderprogramm "Demokratie leben" beigetragen. Seither gibt es ein eigenständiges Themenfeld mit Schwerpunkt der Antisemitismusprävention, oder anders gesagt: antisemitismuskritische Bildungsarbeit. Die hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren stark weiterentwickelt, auch unter großer Beteiligung betroffener Menschen und jüdischer Organisationen. Mit dem im Januar gegründeten Kompetenznetzwerk soll nun künftig Judenfeindlichkeit noch effektiver bekämpft werden.

Das

Bundesprogramm "Demokratie leben!" 
wird seit 2015 vom Bundesfamilienministerium gefördert. Unterstützt werden Projekte, die sich für ein vielfältiges und demokratisches Miteinander vor Ort einsetzen. Auch im Jahr 2020 ist das Programm wieder mit 115,5 Millionen Euro ausgestattet.

Warum war die Gründung eines Kompetenznetzwerks so wichtig und welche konkreten Verbesserungen erwarten Sie?

Siegele: Das Kompetenznetzwerk bildet einen Zusammenschluss aus fünf verschiedenen Organisationen, die über langjährige Erfahrungen in diesem Bereich verfügen. Mit Hilfe dieser Partner-Träger können wir Antisemitismus in all seinen unterschiedlichen Facetten besser behandeln und dem Phänomen stärker gerecht werden. Die einen sind spezialisiert auf die Migrations- und Einwanderungsgesellschaften, andere fokussieren sich auf das Monitoring, um aktuelle und aufschlussreichere Bilder von antisemitischen Vorfällen in Deutschland zu recherchieren und registrieren.

Außerdem spielt der Bereich der Erinnerungskultur, die Auseinandersetzung von Ursachen und Folgen des Holocaust sowie die Beratung, beispielsweise von Lehrkräften und Erzieherinnen und Erziehern, eine große Rolle. So bringt jede Organisation ihre spezifische Expertise ein. Das wiederum entspricht der Idee eines Kompetenznetzwerks – Wissen und Aufgaben bündeln und durch Austausch und Vernetzung stärker voneinander lernen und handeln.

Das

Kompetenznetzwerk Antisemitismus ist ein Verbund aus den Trägern: Bildungsstätte Anne Frank, Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. (RIAS), Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V., Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und dem Anne Frank Zentrum.

Kürzlich stellten Sie gemeinsam mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung die neue Webseite des Kompetenznetzwerks vor. Welche Informationen werden dort zur Verfügung gestellt?

Siegele: Die zentrale und digitale Plattform ist ein erstes Ergebnis unserer gemeinsamen Arbeit und Vernetzung. Die

neue Webseite gibt einen Überblick über Angebote, Veranstaltungen, Tipps und Hinweise. Darunter sind beispielsweise Lern- und Bildungsmaterial, Seminare und Lehrkräftefortbildungen, die wir in den letzten Jahren entwickelt haben und nun gemeinsam anbieten. Das Ganze ist natürlich "work in progress", wir werden diese Seite stetig weiterentwickeln.

 "Die Gründung des Netzwerks ist ein bedeutsamer Schritt für die Antisemitismusbekämpfung", betonte der

Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein,
während der Vorstellung des neuen Angebotes. Das Amt wurde 2018 eingerichtet und am Bundesministerium des Innern angesiedelt.

Wie kann man im Alltag Antisemitismus verhindern? Und wie reagiert man, wenn man antisemitische Äußerungen oder Handlungen erfährt?

Siegele: Es gibt viele Möglichkeiten, etwas zu tun: Dabei ist jede und jeder gefragt, vorhandene Handlungsspielräume und Beratungsangebote zu nutzen. Wichtig ist generell: rechtzeitig einzugreifen, denn stillschweigen ist im Grunde genommen mitmachen oder mitlaufen. Wenn Menschen im eigenen Umfeld antisemitische Vorurteile oder Einstellungen geäußert haben, dann ist es immer ganz wichtig, nach dem Motiv zu fragen.

Sollte man hingegen einen antisemitischen Angriff in der Öffentlichkeit erleben, der in den Bereich geht, wo es strafrechtlich relevant wird, beispielsweise bei verbaler oder körperlicher Gewalt gegenüber Jüdinnen und Juden oder Menschen die als solches wahrgenommen werden, dann sollte man sich schnell an die Polizei oder an die zivilgesellschaftliche

Monitoring-Stelle RIAS wenden und Betroffene immer unterstützen.


Top News